Kartenfunktion

Wie wäre es, wenn ein Kulturmagazin wüsste, wo wir uns befinden und darauf reagieren könnte? Privatsphäre hin oder her, wir beschäftigen uns zur Zeit damit, wie und mit welchen Tools eine Kultursendung auf einen User ganz persönlich und individuell zugeschnitten werden kann. Jeder, der ein Smartphone besitzt, kennt die Funktion des Ortungsdienstes und weiß wie Apps diese nutzen, um uns mit Informationen zu versorgen, die in unmittelbarer Nähe für uns wichtig sein könnten.

Wir spielen mit dem Gedanken, ein Magazinbeitrag könnte den User finden und nicht umgekehrt. Befinde ich mich also vor der Wiener Staatsoper, würde ich Vorschläge für Beiträge bekommen, die hier gedreht worden sind oder in einer Verbindung zu diesem Ort stehen. Außerdem könnte es die Möglichkeit geben, detaillierter auf den Ort einzugehen.  Dem User könnten Berichte vorgeschlagen werden, die nicht nur der Tagesaktualität der wöchentlichen Kultursendung entsprechen, sondern eine Art Kulturarchiv des Ortes darstellen. Die Vision wäre, dem Ort im erweiterten Kulturmagazin ein digitales Gedächtnis zu verleihen; ähnlich Google Maps, das Orte fotografiert, scannt und ihnen damit ein digitales Leben gibt. Schaue ich also einen Beitrag über die Staatsoper 2015, könnte mir zum Beispiel ein historischer Bericht zu politischen oder kulturellen Themen im Zusammenhang mit der Staatsoper vorgeschlagen werden.

Eine Kartenfunktion in einem interaktiven Webplayers soll aber auch innerhalb eines Beitrags mitlaufen und mir die Verortung des Beitrags zeigen. Handelt es sich beispielsweise um das Portrait einer Opernsängerin aus Rom, die in der Wiener Staatsoper für Furore gesorgt hat, so folgt eine Karte mit den Drehorten der Sängerin. Der Zuschauer würde damit zum Beispiel nach Rom geführt werden. Dort angekommen, könnte er sich je nach Interesse weiter in die Kulturlandschaft Roms vertiefen. Dies würde aber nur möglich sein, wenn auf das „Gedächtnis“ eines Kulturmagazins, das Kulturarchiv, zurückgegriffen werden kann.

Wir sind uns der schwierigen Machbarkeit und Umsetzung einer solchen Verortungsfunktion bewusst. Wir wollen aber nicht davor zurückschrecken, unsere Gedanken dazu einzubringen. Denn nur durch eine Art disruptiven Denkens, das vorgefertigte Denkmuster verlässt, ist Innovation möglich.

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Was macht eine Kultursendung persönlich?

Nach der Konzeption der schlechtesten Kultursendung der Welt geht es jetzt darum, die Stärken einer guten Kultursendung zu benennen. Ganz wichtig dabei sind Individualität und Authentizität. Wie muss ein Beitrag gestaltet sein, damit er die Zuschauer persönlich anspricht?

Damit eine Kultursendung, wie jede andere Sendung auch den Zuseher persönlich erreichen kann, muss sie zunächst einmal ihr eigenes Publikum kennen. Unsere Sozialisation spielt eine entscheidende Rolle, wie und was wir als Zuschauer konsumieren bzw. wie wir Beiträge wahrzunehmen imstande sind. Alter, Herkunft, Elternhaus und die damit verbundenen Chancen auf Bildung, eigenes Einkommen, Freundeskreis, persönliche Ziele, Interessen, Wünsche und Träume – alles zusammen hat Einfluss auf unser mediales Konsumverhalten. Entspricht eine Kultursendung diesen persönlichen Anforderungen und hat somit direkt mit unserer eigenen Lebensrealität zu tun, empfinden wir sie als „persönlich“.

Im Team reflektieren und diskutieren wir darüber, wie eine Kultursendung bzw. eine Kulturreadaktion, – auch losgelöst von starren Sendezeiten –  die Zuschauer direkt ansprechen kann. Den produktionstechnischen Aufwand einmal außer Acht lassend, spielen wir mit dem Gedanken, den Content die Zuschauen finden zu lassen und nicht umgekehrt. Einflüsse wie die oben genannten könnten hier genauso wirksam sein, wie das aktuelle Wetter, der Ort, an dem sich der Zuseher gerade befindet oder sein momentan vorherrschender Gefühlszustand.
Wie könnte eine alternative Kulturedaktion aussehen, die den Zuschauer auf diese Weise direkt und persönlich anspricht? Wie wäre es wohl, wenn eine Kulturredaktion wie ein soziales Netzwerk funktionieren und die Redakteure Follower haben könnten? Wie bei einem Internet-Forum könnten dann die Zuschauer involviert werden und den Content selbst mitgestalten.
Wir sind also angekommen bei einem komplett auf den Zuschauer zugeschnittenen Kulturmagazin: Jeder sieht quasi sein eigenes Kulturmagazin. Unser Brainstorming beschließen wir mit der Frage, ob dieses Prinzip überhaupt gewollt wird, nämlich sowohl vom Einzelnen als auch von der Gesellschaft. Denn geht es nicht auch darum, einen „roten Faden“ anzubieten, der bestmöglich für alle Gültigkeit besitzt? – Oder darum, den Menschen Neues, bisher für sie gänzlich Irrelvantes anzubieten, um an Grenzen zu stoßen, sie eventuell sogar zu sprengen und den Horizont zu erweitern?

Was macht eine Kultursendung persönlich Kulturredaktion

Das schlechteste Kulturmagazin der Welt

Um das bestmögliche Produkt zu entwickeln, hilft es manchmal, zunächst in die entgegengesetzt Richtung zu denken. Deshalb fragen wir uns, was uns an Kulturmagazinen nicht gefällt und entwickeln daraus die schlechteste Kultursendung der Welt!

Die schlechteste Kultursendung wäre demnach schlecht strukturiert, wahllos in der Themensetzung und extrem oberflächlich. Gleichzeitig müsste der Ablauf jeder einzelnen Sendung jedes Mal auf die Minute genau identisch sein, stets mit den gleichen Anteilen von Beiträgen und Moderation, stets im gleichen, bieder eingerichteten Studio.

Die Themen sollten oberflächlich und leidenschaftslos präsentiert werden und den Zuschauer für dumm verkaufen. Er würde nicht auf Augenhöhe behandelt, sondern alles würde ihm mit einem viel zu eng gefassten Verständnis von “Kultur” vorgesetzt.

Hier und da gäbe es Ansätze, die Sendung “jung und hip” zu gestalten, wie z.B. mithilfe eines müde zusammengeschriebenen Satireblocks. Bei den kläglich scheiternden Versuchen zum Einsatz von Ironie und Sarkasmus bliebe der Beitrag jedoch stets belehrend und viel zu didaktisch.

Als Krönung müsste den Beiträgen jeglicher aktueller Bezug fehlen, sie müssten im Sendungsverlauf unverhältnismäßig gewichtet sein, aber vor allem – und das ist der Ritterschlag – müssten die Beiträge schrecklich lang sein. Der 300-minütige Sendeplan ist unten grob skizziert.

Die schlechteste Kultursendung der Welt heißt deshalb “Unser Tag” und läuft täglich von 17-22 Uhr auf einem Sender, den es hoffentlich nie geben wird!

Die schlechteste Kultursendung

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